Vom Flop zum Schlüssel: Wird Coutinho der wichtigste Spieler in Barcelona?

Niemand hätte es für möglich gehalten: Nicht die Fans, nicht die sportliche Führung, vielleicht nicht mal die Mitspieler und der Spieler selbst. Nach drei Ligaspielen ist jedoch klar: Coutinho wird in dieser Saison ein Schlüsselspieler für Barcelona sein. Wie hat Ronald Koeman es geschafft, das Potential des Brasilianers in seinem zweiten Anlauf in Katalonien plötzlich auszuschöpfen?

Wie der Brasilianer es geschafft hat, sich von der Streichliste in die Startelf zu spielen

Es wirkte wie der sicherste Abgang im Kader: Philippe Coutinho. Ein Missverständnis, das 145 Millionen Euro schwer war, sollte endlich beendet werden. Nie ist der Brasilianer ganz in Barcelona angekommen, nie konnte er sein enormes Preisschild rechtfertigen. Im Winter 2018 mit viel Wind und viel Trubel von Liverpool gekommen, wollten die Bosse des FC Barcelona das Experiment Coutinho bereits nach eineinhalb enttäuschenden Jahren beenden. Doch es fand sich kein Abnehmer, der den Katalanen einen Betrag im Bereich dieser drückenden 145 Millionen Euro zahlen wollte. Stattdessen verabschiedete der Brasilianer sich samt Kaufoption zum FC Bayern. Auch wenn er hier mit den Münchenern das Tripel holen konnte, wollten diese ihre Kaufoption allerdings in finanziell schwierigen Zeiten nicht ziehen. Allerdings stand sein Schicksal auch in Barcelona scheinbar schon fest: Coutinho sollte abgegeben werden. Das fanden alle…bis auf einer. Ronald Koeman soll den Brasilianer direkt nach dem Champions-League-Finale angerufen haben und ihn über seine neue Rolle in seinem „neuen“ Barcelona kontaktiert haben. Koeman sah in Coutinho ein wichtiges Puzzlestück auf dem Weg zurück an die Spitze für den FC Barcelona.

“Barcelona war immer der Klub, von dem ich geträumt habe, dass ich dort spiele”

Philippe Coutinho vor seiner Rückkehr nach Katalonien

Dabei gab es große Fragen darüber, ob der Brasilianer überhaupt ins Team passen würde. Der erste Versuch Coutinhos im Blau-Roten Dress der Katalanen hat offenbart, dass er weder ein echter Flügel noch ein wirklicher Achter ist. Coutinho fühlt sich ganz klar auf der Zehn am wohlsten. Diese Position gibt es aber im traditionellen 4-3-3 der Katalanen nicht. Der damalige Coach Ernesto Valverde hat es zu keinem Zeitpunkt geschafft, den Brasilianer in ein System zu bekommen. Häufig aufgrund von fehlenden Alternativen auf dem linken Flügel aufgeboten, verbrachte Coutinho viele Spiele abseits seiner Mitspieler, isoliert vom Spielfluss, allein auf der linken Seite. Für einen Flügel ist der jetzt 28-Jährige einfach nicht schnell genug; ihm fehlt die Geschwindigkeit, um einen Außenverteidiger im Sprint zu schlagen und sich so zu befreien. Des Weiteren wurde von Spielern auf dieser Position erwartet, durch Läufe in die Tiefe zum einen eine Anspielstation für Diagonalbälle von Messi oder aus der Abwehr zu sein und zum anderen auch Platz in der Mitte für Messis Züge in die Mitte zu schaffen. Coutinho hingegen fühlt sich vor der Abwehr, in den Halbräumen zwischen dem linken Flügel und dem Zentrum, am wohlsten. Dementsprechend war sein Spielstil auf dem linken Flügel effektiv derselbe wie der von Messi auf der anderen Seite. Da die beiden sich so allerdings den Platz weggenommen haben, musste sich Coutinho anpassen und so auf dem Flügel verweilen. Seine Talente konnte der Brasilianer hier nie wirklich zur Geltung bringen, was dann auch die Leihe zum FC Bayern im letzten Sommer zur Folge hatte. Hier durfte er zwar auf seiner angestammten Position, auf der 10 spielen, allerdings war hier unter Hansi Flick auch Thomas Müller zu finden – ein Konkurrent, an dem Coutinho nicht vorbeikam. Stattdessen konnte er häufig nur von der Bank aus eingreifen. Trotz dessen kehrte der 28-jährige mit gestärktem Selbstvertrauen nach Katalonien zurück, immerhin wurde er gerade erst Triple-Sieger in München.

Seine Performance in München (und speziell die in Lissabon) soll Ronald Koeman dabei so sehr überzeugt haben, dass der Holländer Coutinho bereits nach dem gewonnen CL-Finale kontaktierte. Inhalt des Gesprächs: Coutinho soll ein essentieller Baustein im Wiederaufbau des FC Barcelonas werden – in neuer Rolle als noch unter Ernesto Valverde. Unter Koeman, der die Grundaufstellung der Katalanen vom traditionellen 4-3-3 auf ein moderneres 4-2-3-1 umkrempelte; ein System, in dem Coutinhos Stärken am besten zum Vorschein kommen. Anstatt als reiner Flügel (wie unter Valverde) kommt der Brasilianer hier eher als Hybrid-Zehner zum Einsatz: Nominell steht der Brasilianer in der Zentrale, im Spielverlauf rotiert die Offensive allerdings so stark, dass ein sehr fluides Positionsspiel zustande kommt. Im Aufbau kommt es so nicht selten vor, dass „Cou“ entweder auf links ausweicht und stattdessen Griezmann/Messi das Zentrum überlässt oder sich etwas weiter fallen lässt, um auf links Alba Freiraum/Absicherung für Offensivläufe zu ermöglichen. Die Hereinnahme von Coutinho nimmt vor allem eine große Offensive Last von Lionel Messi. Coutinho ist neben Messi (und eventuell Dembele, wäre er denn endlich mal fit) der einzige Spieler im Kader, der extrem gut darin ist, im letzten Drittel Chancen zu kreieren. Viel der kreativen Last lag die letzten Jahre stets auf Messi – mit einem Coutinho in dieser aktuellen (und vielleicht noch steigenden!) Form kann auch La Pulga sich mehr Pausen gönnen – Beispiel aus dem Villareal-Spiel: an den zwei Treffern von Fati war Messi nicht direkt beteiligt. Mit Coutinho und Messi hat Barcelona dementsprechend zwei Initiatoren, die sich den Ball regelmäßig von Mittelfeld-Angelpunkt Frenkie De Jong abholen können. Generell könnten der Brasilianer und der Holländer ein gutes Gespannt auf der linken Platzhälfte abgeben; beide haben gegen Villareal gut zusammen funktioniert und gleichzeitig auch von den Läufen Alba und Fati profitiert und diese unterstützt. Gleichzeitig ist es auch gerade De Jong, der Coutinho so viele offensive Freiheiten ermöglicht. Der junge Niederländer ist häufig derjenige, der für den Brasilianer bei Kontersituationen absichert und ihm so mehr Freiheiten ermöglicht.

“Es ist mein Job, das Beste aus jedem Spieler herauszuholen. Als erstes muss ich jeden Spieler auf der für ihn idealen Position einsetzen. Ich denke, dass er aus diesem Grund im Training selbstbewusster ist”

Ronald Koeman über Philippe Coutinho

Coutinho als kreative Schaltzentrale im letzten Drittel macht auch erst die starke Rotation seiner drei offensiven Nebenmänner möglich. Da Messi sich so wieder etwas mehr aufs Tore schießen konzentrieren kann, kann er auch die Rolle im Sturmzentrum übernehmen (was er nach dem Abgang von Suarez und dem daher aktuell noch fehlenden Mittelstürmer auch muss). Gleichzeitig kann, wenn Coutinho auf links rausrückt (und dementsprechend Griezmann auf die 10), auch Fati die Spitze besetzen. Coutinho kann so als einer der Schlüssel interpretiert werden, der das neue fluide Positionsspiel überhaupt erst in dieser Art möglich macht. Der Brasilianer strahlt gleichzeitig auch ausreichend Torgefahr aus der zweiten Reihe aus, wodurch er gleichzeitig auch in dieser Hinsicht nicht von der Abwehr ignoriert werden kann. Der Brasilianer ist allerdings auch im Dribbling sehr stark, wodurch er für seinen Verteidiger extrem unberechenbar ist.

All diese Attribute machen ihn genau zu dem Spieler, den Ronald Koeman für seinen „Masterplan“ zu brauchen scheint – das neue 4-2-3-1 ist ein System, dass offensiv von einem „echten“ Zehner angeführt wird – und Coutinho ist einer der besten Spieler der Welt auf dieser Position. Mit De Jong und Pjanic/Busquets im Rücken kann er sich voll der Offensive widmen, und bisher zeigt er dabei herausragende Leistungen – ohne ein einziges Indiz dafür, dass diese Entwicklung plötzlich anhält. Mit einem solchen Coutinho kann der Trend beim FCB endlich wieder nach oben gehen. Cou war also wirklich der Schlüssel für Koemans Plan.

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