Von Paris nach London – Schafft Tuchel es, Chelsea zurück in die Bahn zu bringen?

Tuchel ist der nächste in einer langen Liste von Chelsea Übungsleitern. Wird es dem Deutschen gelingen, den Umbruch in London, den Lampard angefangen hat, zu vollenden?

Der exzentrische Deutsche ist von nun an der neue Mann an der Seitenlinie der Stamford Bridge. Kann er den Umbruch in London erfolgreicher gestalten als Vorgänger Lampard?

Vom Mainzer Kokon zum Dortmunder Ticket nach Europa über ein Champions-League Finale mit Paris hin zum Umbruch bei Chelsea London – Der Karriereweg von Thomas Tuchel ließt sich hervorragend. Nachdem er zum Jahreswechsel nach öffentlichen Eskapaden mit dem Sportvorsitzenden Leonardo bei den Parisern entlassen wurde, konnte man förmlich Spüren, wie bei einigen der europäischen top Vereine plötzlich die Trainerstühle wackelten. Tuchel ist schon längst aus dem Schatten von Jürgen Klopp – einem seiner Vorgänger bei sowohl Mainz 05 als auch beim BVB – herausgetreten und hat sich selbst in die oberste Hemisphäre der Übungsleiter im europäischen Fußball katapultiert. Seine Dienste jagen nicht mehr die Mainz 05s dieser Welt und selbst Dortmund dürfte seit seiner Anstellung in Paris und dem Auftritt im UCL-Endspiel zu klein für ihn sein. Nein, der Deutsche wird nun mit Clubs wie Manchester United, dem FC Barcelona oder eben auch Chelsea London in Verbindung gebracht. Und die Londoner haben bekanntlich nun auch seine Unterschrift bekommen. Tuchel soll den Umbruch, der unter Frank Lampard bereits eingeleitet wurde, begleiten und ihn bestenfalls auch noch erfolgreicher gestalten als es die Clublegende bisher geschafft hat. Wie genau werden die Londoner nun allerdings unter ihrem neu-Coach aussehen?

Groß prangert Thomas Tuchel auf dem Twitter Account seines neuen Arbeitgebers

Was wir von vornherein schon bestätigen können: Chelsea wird unter Tuchel definitiv ein offensiv Orientiertes Team, welches auf ein solides Mittelfeld setzt. Tuchel greift bei seiner Spielidee vor allem auf die Idealbilder des „Totalen Fußballs“ zurück, wie er hauptsächlich von Johan Cruyff bei Ajax Amsterdam und dem FC Barcelona praktiziert wurde. Aufgrund dieser ähnlichen Vorbilder finden sich bei Tuchel auch einige Parallelen zu Pep Guardiola, der mit seinen katalanischen Wurzeln als Teil des Dream Teams unter Cruyff selbst ebenfalls die Idee des „Totalen Fußballs“ verfolgt. Im Vergleich zum Spanier fällt jedoch auf, dass der Deutsche, seinen Wurzeln getreu, das niederländisch/katalanische Original auch gerne mit der deutschen Spielidee von starkem und vor allem konsequent aggressivem Gegenpressing vermischt. Tore sollen in diesem Sinne also nicht nur durch schönes Aufbauspiel, sondern auch gerne durch schnelle Ballgewinne in der gegnerischen Hälfte erzielt werden. In diesem Sinne bevorzugt Tuchel neben kreativen und intelligenten Spielern, die auch von selbst Angriffe initiieren können, ohne jeden einzelnen Spielzug vorgesagt zu bekommen, eben auch die harten Arbeiter (bestenfalls natürlich beides). Hier klinken sich zur Vorbereitung auf diese physisch wie psychisch anspruchsvolle Spielweise auch die häufig eher unkonventionellen Trainingsmethoden des ehemaligen BVB-Coaches ein, die seine Spieler auf die verschiedensten Situationen vorbereiten sollen. Tuchel ist einer der ersten „Laptop-Trainer“, die sich für ihr Training stark auf taktische Analysen und Statistiken verlassen. Trainingsmethoden wie beispielsweise das Spielen auf immer in der Größe variierenden Plätzen mit verschiedensten Untergründen wurden dementsprechend sorgfältig für die optimale Umsetzung seines Fußballs erdacht.

In diesem Sinne wäre bereits geklärt, dass vor allem intelligente und technisch versierte Spielertypen unter Tuchel glänzen dürften. Gleichzeitig, und das rührt eben schon allein aufgrund seiner Mainzer Wurzeln und seiner Präferenz für gnadenloses Pressing, liegen Tuchel vermutlich eher die harten Arbeiter. Besonders das Mittelfeld der Blues dürfte dementsprechend eigentlich wie gemacht sein für Tuchel. Hier tummeln sich mit Mason Mount, Mateo Kovacic, N’Golo Kanté und Jorginho sowie auch Hakim Ziyech viele Optionen. Besonders Jorginho und Mateo Kovacic, die beide unter Lampard nicht die größten Rollen spielten, dürften in diesem Sinne vom Trainerwechsel profitieren. Beweisstück A: In beiden der ersten Spiele unter Tuchel standen, bei stark wechselnden anderen Startern, jeweils Jorginho und Kovacic in der Startelf. Auch für das letzte Drittel hat Chelsea bereits ein großes Repertoire an Optionen für seinen neuen Coach parat. Neben Timo Werner und Kai Havertz finden sich hier auch Olivier Giroud, Tammy Abraham, Callum Hudson-Odoi und auch Tuchels alter Bekannter Christian Pulisic. Da hier verschiedenste Spielertypen vorhanden sind, dürfte Tuchel hier viel experimentieren können. Wird beispielsweise ein klassischer Mittelstürmer wie Giroud benötigt? Oder soll es lieber ein agilerer Spieler wie Werner sein? Wie werden die Flügel besetzt? Viele Fragen, die hier aufkommen können. Sehen wir uns für die Beantwortung doch einmal die Startaufstellungen aus den ersten beiden Ligaspielen gegen Wolverhampton und Burnley an.

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Wer wird in Tuchels Chelsea die Stamford Bridge zum Jubeln bringen?

Aktuell sieht alles danach aus, als würde Tuchel sein Team in einem 3-4-2-1/5-2-2-1 spielen lassen wollen. Thiago Silva ist hier der defensive Anker, der von Rüdiger und Azpilicueta in der Dreierkette umringt wird. Alle drei sind solider Passgeber, die einen Angriff einleiten können beziehungsweise den Ball zumindest sicher ins Mittelfeld zu den „echten“ Strategen liefern können. Flankiert wurden die drei auf rechts von Hudson-Odoi (in ungewohnter Rolle als Wing-Back) sowie Alonso/Chillwell. Die außen wurden dementsprechend von zwei sehr offensiv ausgerichteten Wing-Backs besetzt, die zu jeder Zeit den Weg nach vorne suchen dürfen und auch sollen. Vor der Abwehr standen im Mittelfeld wie oben bereits erwähnt bei beiden Spielen mit Jorginho und Kovacic zwei exzellente Spielgestalter in der Startelf, zwei Box-to-Box-Mittelfeldspieler, die sowohl mit dem Ball am Fuß, als auch im Passspiel sicher sind. Komplettiert wurde die Aufstellung jeweils zwei Zehnern/Mittelstürmern in Ziyech/Mount bzw. Havertz/Werner, sowie einem Stoßstürmer in Giroud/Abraham. Von der „Doppel-Zehn“ besetzte häufig jeweils einer das Zentrum, während der andere den Flügel besetzt hat. Dafür wurde der jeweils andere Flügel, der durch das abkippen der Zehner frei wird, vom Wing-Back besetzt. Insgesamt ergibt das ein sehr fluides Positionsspiel, bei dem auf beiden Flügeln zu jeder Zeit eine Asymmetrie hergestellt werden kann. Mit Hudson-Odoi, der gelernt ja eigentlich mehr Stürmer als Verteidiger ist, kam in den ersten zwei Partien deshalb deutlich mehr Produktion vom rechten Flügel. Insgesamt ergibt sich durch den doppelten Spielmacher also ein ähnliches Bild zu Tuchels 4-2-2-2, welches er bei PSG häufig spielen ließ. Hier haben häufig Di Maria und Neymar als Spielgestalter vom Flügel die Zehn besetzt, während der jeweils andere die Breite auf dem Flügel aufrechterhielt. Diese Rollen dürften nun eine Auswahl von Mount, Ziyech, Havertz und Werner übernehmen…und das mit einem mindestens genauso guten Supporting-Cast. Aktuell mag das vielleicht noch schlechter sein, als in Paris. Die Zukunft allerdings ist groß in London!

FAZIT

Um diese kurze Analyse/diesen kurzen Ausblick zum Schluss zu bringen sei gesagt: Thomas Tuchel wird sehr wahrscheinlich auf lange Sicht Erfolg mit diesem Team haben können. Das Mittelfeld und auch der Angriff ist bereits jetzt für die nächsten 5-10 Jahre extrem gut besetzt. Wenn die Verteidigung jetzt noch nachzieht (altersmäßig, wobei auch qualitativ sicher besseres als Rüdiger und ein 36-jähriger Thiago Silva zu finden sein dürften), hat Tuchel hier mindestens ein Team für den Premier League Titel, wenn nicht sogar europäische Erfolge in seinen Händen. Dass er junge Teams entwickeln kann, hat der Deutsche bekanntlich auch schon in Dortmund bewiesen. Wird Roman Abramovic bei ihm allerdings mehr Geduld zeigen, als bei Clublegende Frank Lampard? Ich für meinen Teil hoffe es! Denn sollte er es tun, wird Thomas Tuchel nicht nur den Umbruch gemeistert, sondern auch die Früchte des Erfolgs ernten!

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