Trincao oder Konrad – Wer sollte bei Barca die erste Wechseloption für den Flügel sein?

Zum ersten Mal seit langem hat der FC Barcelona so etwas wie Kadertiefe auf den Flügeln. Trincao und Konrad sind beide stark - aber wer sollte die "erste Wechseloption" sein?

Einer kriegt viel Spielzeit mit mäßigem Output, der andere bekommt minimale Spielzeit mit spannenden Ansätzen. Wen von beiden sollte Ronald Koeman tatsächlich öfter einsetzen?

Die Kadertiefe auf den Flügeln stellte in Barcelona schon seit längerem eine kleine Baustelle dar. Spätestens seit dem Abgang von Neymar 2017 fehlte es den Katalanen hier sowohl an wirklichen Startern als auch an validen Rotations-Optionen von der Bank. Wenngleich das Starter-Problem auch auf die Verletzung von Ousmane Dembélé zurückzuführen ist, so ist das Rotations-Problem in diesem Sinne auch dem mangelnden Output sowohl der restlichen Einkäufe, als auch der La Masia-Absolventen seitdem anzukreiden. Spieler wie Gerard Deulofeu, Munir El Haddadi oder auch Malcom haben es nie geschafft, sich wirklich im Kader der Katalanen festzuspielen; alle haben den Club nach kürzester Zeit (wieder) verlassen. Der erste Spieler, der sich seitdem wieder auf dem Flügel festsetzen konnte, war der hochtalentierte Ansu Fati, der ohne seine Verletzung in dieser Saison bereits zum absoluten Stammpersonal des FC Barcelona gehören würde. Die neusten Anwärter für die Rollen der Ersatzmänner von eben Fati sind im diesjährigen Kader zum einen Neuzugang Francisco Trincao und zum anderen La Masia-Absolvent Konrad de la Fuente (technisch gesehen hätte man hier vor der Saison auch Dembélé auflisten müssen, allerdings hat sich der Franzose in den letzten Wochen sichtlich rehabilitiert). Von beiden erhält nach aktuellem Stand Trincao deutlich mehr Aufmerksamkeit, kommt immerhin bereits auf 24 Einsätze in allen Wettbewerben. Problem ist nur, dass der Portugiese bisher noch nicht so recht in Barcelona angekommen zu sein scheint. Sein Gegenüber, Konrad, hat dagegen bisher erst in drei Spielen den Platz betreten dürfen (und das auch nur für die allerletzten Minuten) und zwar auch nur in eher „unwichtigen“ Partien wie in der Copa del Rey oder gegen schwächere Teams wie Ferencvaros in der Champions-League, da allerdings ansprechende Leistungen gezeigt. Für uns gilt es heute deshalb zu klären, ob Ronald Koeman seinen „Ersatzmann Nummer eins“ eventuell überdenken sollte und Konrad mehr Spielzeit gewähren sollte oder ob er in der Wahl von Trincao alles richtig gemacht hat und dem Portugiesen zurecht genügend Zeit zur Akklimatisierung gewährt. Beginnen wir erstmal mit den Eigenschaften der beiden Kandidaten.

TRINCAO

Francisco Trincao, 21, wurde bereits im Frühjahr Verpflichtet und kam dann im Sommer von seinem Jugendclub, dem SC Braga, zum FC Barcelona. Seine stärken liegen vor allem im Eins-gegen-eins und auch sein Abschluss ist für einen Flügelspieler nicht zu unterschätzen. Als Beispiel wäre hier das folgende Tor aus einem Ligaspiel der letzten Saison gegen Vitoria anzuführen, in welchem er einen Ball ungefähr vom rechten Strafraum-Eck technisch ansprechend in den langen Winkel dreht. Um seinen starken linken Fuß bestens in Szene zu setzen, versucht Trincao in diesem Sinne häufig in „Robben-Manier“ vom rechten Flügel nach innen zu ziehen. Sein Tempo ist zwar definitiv überdurchschnittlich für den Kader des FC Barcelona, allerdings ist er von den vorhandenen „echten“ Flügeln (Fati, Dembélé, Konrad sowie er selbst) sicherlich der Langsamste. Im Vergleich zu seinen Kontrahenten startet Trincao in diesem Sinne auch weniger Tempoduelle oder Tiefenläufe in die Spitze (was wir im späteren Verlauf ebenfalls nochmals aufgreifen werden). Der Portugiese verlässt sich stattdessen eher auf seine Dribbelstärke, um seinen Verteidiger eher durch Technik als durch pure Geschwindigkeit stehenzulassen.

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Die Anlagen hat er – Kann Trincao sie bald auch in Spanien auf den Platz bringen?

KONRAD

Konrad de la Fuente, 19, kam 2014 in die Jugendabteilung des FC Barcelona, La Masia, und hat von da an sämtliche Stationen zwischen der U16 und Barcelona B durchlaufen. Das ist auch kein Tippfehler, offiziell ist Konrad aktuell noch für die Zweitbesetzung der Katalanen gemeldet. Daran haben auch Koemans Aussagen aus der Saisonvorbereitung, wo er Konrads Chancen noch auf eine Stufe mit denen von Ousmane Dembélé stellte (was rückblickend betrachtet von Koeman HOFFENTLICH als Motivation für den Franzosen gemeint war), nichts geändert. Vom Spielertypus her ist Konrad die Art Flügel, die durch ihr erstaunliches Tempo gegnerischen Abwehrreihen das Leben schwer machen wollen. Beispielhaft darf der folgende Clip aus einem Ligaspiel für die zweite Mannschaft angesehen werden. Konrad setzt knapp vor der Mittellinie zum Sprint an, überrennt Gegenspieler Nummer eins förmlich, geht dann mit Tempo ins Dribbling gegen die sich neuformierende Abwehrkette, tänzelt herum und kann dann (leider) das schöne Solo nicht ganz vollenden; sein Schlenzer geht knapp rechts vorbei. Was hier auch klar wird, ist, dass auch Konrad keinerlei Hemmungen hat, ins direkte Eins-gegen-eins-Duell mit einem Abwehrspieler zu gehen. In einem Interview mit dem Guardian erklärte er selbst, dass seine Stärken „vor allem im Tempo, im Eins-gegen-eins und im Abschluss liegen“ und er aufgrund seines Spielstils aus dem aktuellen Kader wohl „Ousmane Dembélé am meisten nacheifern würde“ (via planetfootball.com). Der junge US-Amerikaner mag kein so guter Vorbereiter sein wie der Franzose, ansonsten kommt der Vergleich allerdings ganz gut hin; beide Spieler haben in jedem Fall ähnliche Qualitäten.

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Konrad ist definitiv talentiert…aber ist er bereit für den “nächsten Schritt”?

DIE UNTERSCHIEDE…UND DIE PROBLEME

Was zuerst auffällt, ist vor allem das Tempo der beiden. Während Konrad wohl einer der schnellsten Spieler im Kader ist und diese natürliche Schnelligkeit auch gern auf dem Platz unter Beweis stellt, fehlt es Trincao, wie oben bereits angerissen, hier im Vergleich an einigen km/h. Daraus ergibt sich dann auch ein weiterer Unterschied zwischen den beiden: Die Positionierung auf dem Platz und speziell bei eigenem Ballbesitz. Während Trincao sehr häufig den Weg nach innen ins Zentrum sucht, bleibt Konrad häufiger nahe an der Seitenauslinie, um stattdessen die Breite zu halten. Des Weiteren bietet der US-Amerikaner häufiger die oben bereits angesprochenen Läufe in die Tiefe an, die speziell gegen sehr tief stehende Gegner essenziell für die Erarbeitung von Torchancen sind. Trincao hingegen bietet sich dafür natürlich für mehr direktes Zusammenspiel mit den Mittelfeldspielern an; steht häufig auch für Doppelpässe bereit oder spielt halt selbst die Pässe in die Tiefe zu beispielsweise Braithwaite oder auch Dest.

Im Intro habe ich es bereits skizziert, hier sage ich es nochmal direkt: Nach aktuellem Stand liest sich die aktuelle Minutenverteilung der beiden sehr einseitig. Während Trincao in beinahe jedem Spiel von der Bank aus mitwirken darf (24 Einsätze in allen Wettbewerben, allerdings nur 5 Starts), wird auf Konrad nur in den seltensten Fällen gebaut (drei Einsätze). Aufgrund der Tatsache, dass für Trincao eine doch recht stattliche Ablösesumme von 31 Millionen Euro gezahlt wurde und er sich als „Neuankömmling“ deutlich eher an Barcelona gewöhnen muss als der hier seit über sechs Jahren ausgebildete de la Fuente, ist das in Teilen sogar verständlich. Das Problem hierbei ist allerdings, dass Trincaos Leistungen zumeist nicht den gewünschten Erwartungen entsprechen. Natürlich ist er erst 21, spielt gerade erst seine erste Saison in Katalonien und muss sich dementsprechend erst noch an die neue Liga und die neue Umgebung gewöhnen, allerdings lieferte der Portugiese auch vor diesem Hintergrund bisher häufig unterdurchschnittliche Auftritte. Vor allem seine Torgefahr hat sich von Portugal noch nicht annähernd nach Spanien transferiert; 0,46 Tore pro 90 Minuten (also effektiv ein Tor alle zwei vollen Spiele) steht bisher kein einziger Treffer gegenüber. Auch seine starkes Dribbling kommt bisher noch zu wenig zum Vorschein: Zwar steht Trincao bei 61% erfolgreichen Versuchen (und damit über zum Beispiel Dembélé und Coutinho und nur knapp hinter Messi), allerdings verliert er den Ball auch fast drei Mal auf 90 Minuten hochgerechnet, was (in der Liga) nur von Alena (dessen Sample-Size winzig klein ist) und Ansu Fati (der dafür aber auch das Endprodukt mitbringt und Tore erzielt, wenn er fit ist) getoppt wird. Auch Abseits von reinen Ballverlusten fügt sich Trincao nur sehr schlecht ins Offensivspiel ein; häufig steht er falsch, fällt die falschen Entscheidungen und spielt auch häufiger vermeidbare Fehlpässe. Zwar hat der letzte Einsatz gegen Elche bewiesen, dass Trincao der Mannschaft in der richtigen Form weiterhelfen kann, allerdings bringt er seine Stärken noch nicht annähernd konstant genug auf den Platz.

Konrad wiederum hat bisher eben noch kaum Einsatzzeit erhalten. Die wenigen Minuten, in denen er spielen durfte hat (unter anderem zum Beispiel im Pokal in der Verlängerung gegen Cornella, wo er in knapp 16 Minuten gegen die zugegeben Müden Beine des Drittligisten mehr zustande bekommen zu haben schien als Trincao im ganzen Spiel), sahen allerdings immerhin vielversprechend aus. Das Problem ist jetzt natürlich, dass er sich noch nicht gegen stärkere Gegner behaupten durfte. Koeman scheint zumindest zu denken, dass er dafür noch nicht bereit ist. Allerdings, selbst wenn er es noch nicht ist, und schon gar keine Alternative für die Startformation darstellt, ist es trotzdem gut denkbar, dass Konrad zumindest auch gegen die Müden Beine vieler La Liga-Verteidiger eine gute Option für die sonst eher karg besetzten Flügel darstellen sollte, wenn nicht sogar muss. In diesem Sinne würde ich, und ich denke, ich spreche da auch für viele andere Culers, gerne auch Konrad öfter auf dem Feld sehen.

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Welche Option wird Ronald Koeman wählen: Weiter mit Trincao oder mehr von Konrad?

Fazit

Koeman hat selbst gesagt, dass junge Spieler für ihre Entwicklung so oft wie möglich spielen müssen. Wenn er seinen beiden Flügeln gleiche Chancen einräumen möchte, sich bestmöglich zu entwickeln und so vielleicht früher als später ernsthafte Alternativen für die Stammelf darzustellen, muss er auch dem Amerikaner anstatt nur dem Portugiesen mehr Einsatzzeit geben. Damit meine ich nicht einmal, dass Konrad zwangsweise die Minuten von Trincao übernehmen sollte; er könnte stattdessen auch einfach mal für einen überspielten Griezmann oder den auf links eher verloren wirkenden Braithwaite eingewechselt werden. So oder so kann man sich in Barcelona glücklich schätzen, wenigstens mal wieder solche hochtalentierten Offensivleute zur Verfügung zu haben. Nicht nur die Starter in Ansu Fati, Dembélé oder Messi, sondern eben auch die Trincaos und Konrads dieser Welt.

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