Rettet Riqui! – Talent vorm Absprung?

Endlich sah alles wieder ein bisschen rosiger aus für die Fans des FC Barcelona: ein neuer Coach, der verhasste Präsident Bartomeu steht vor einem Misstrauensvotum und am wichtigsten: Lionel Messi bleibt dem Club noch wenigstens ein Jahr erhalten. Doch wo es gerade schien, als würde sich alles ein wenig beruhigen, platzte eine Woche später wieder eine neue Bombe: Fanliebling Puig soll vom neuen Coach aussortiert worden sein. Was bedeutet das für seine Zukunft - und vor allem für die des Clubs?

Sollte Barcelona das Mittelfeld-Juwel wirklich abgeben?

Er soll das Schiff stabilisieren. Er soll das Team umkrempeln und endlich wieder die Jugendarbeit im Verein voranbringen. Gleichzeitig soll er trotzdem ein national wie international kompetitives und vor allem erfolgreiches Team auf den Platz stellen. Ronald Koeman hat in diesem Sommer eine der herausforderndsten Aufgaben in ganz Europa angenommen, als er sich dazu entschlossen hat, Trainer beim FC Barcelona zu werden. Als Favorit des von Fans verhassten Club-Bosses Josep Maria Bartomeu stand seine Beliebtheit allerdings von Anfang an schon unter einem schlechten Stern. Doch seine Ideale und seine Ideen fanden Anklang: Direkt nach seiner Anstellung beurteilte der Holländer, der von 1989 bis 1995 unter Johan Cruyff Teil des ersten „Dream Teams“ des FC Barcelona war, den aktuellen Kader und sortierte direkt einige gestandene Größen (namentlich Luis Suarez, Ivan Rakitic und Arturo Vidal) aus dem Kader aus und ließ verlauten, endlich wieder auf die Jugend setzen zu wollen. Der neue Übungsleiter traute sich sogar noch mehr: Koeman brach mit dem heiligen 4-3-3 des FC Barcelona. Dem unantastbaren System, das seit Guardiola nicht mehr vom Verein wegzudenken ist. Stattdessen implementierte er ein 4-2-3-1, wie er es zuvor auch schon bei seiner Anstellung bei der niederländischen Nationalelf spielen ließ. Frenkie De Jong ist hier von der Doppelsechs aus der Fixpunkt des Teams; im Angriff können die Flügel, der offensive Mittelfeldspieler und der Mittelstürmer frei rotieren, um so Lücken in den gegnerischen Abwehrverbund zu reißen. In diesem System schafft er es, gleichzeitig Lionel Messi, Antoine Griezmann und auch Philippe Coutinho, der nach seiner Rückkehr vom FC Bayern München wieder zu einer Größe in der Mannschaft werden soll, zu entfesseln, da alle drei so immer froh miteinander tauschen und kombinieren können.

“Ich will den bestmöglichen Angriff haben. Manche Spieler können im Angriff verschiedene Positionen bekleiden, deshalb haben wir [die Positionen] getauscht. Das macht es auch dem Gegner schwerer. Coutinho kann links oder in der Mitte spielen, Messi kann rechts, in der Mitte oder als Neun spielen, Griezmann kann rechts oder in der Mitte spielen. Es ist gut, solche Möglichkeiten zu haben.”

Ronald Koeman über die offensiven Möglichkeiten seines Teams

Die ersten Testspiele in diesem neuen System machten auch viel Hoffnung auf mehr: Vor allem Coutinho wirkte, verglichen mit seinem ersten Anlauf in Barcelona, wie ausgewechselt. Auch Neuzugang Francisco Trincao scheint sofort angekommen zu sein und fügte sich mühelos in die offensive Dreierreihe neben Messi und Coutinho ein. Auch Rohdiamant Ansu Fati, Neuzugang Pedri sowie auch der wieder genesene Ousmane Dembele und auch Konrad de la Fuenta aus der B-Mannschaft zeigten in den Testspielen ansprechende Leistungen und können sich Hoffnungen auf Einsatzzeit in der kommenden Saison machen. Auch im defensiven Mittelfeld ist das Team breit aufgestellt, auch wenn hier noch ein wenig mehr Anpassung nötig werden wird. Mit De Jong, Sergio Busquets als Veteranen, dem Wiedergekehrten Carles Alena, den Neuverpflichtungen Miralem Pjanic und Matheus Fernandes sowie dem Jugend-Nachrücker Oriol Busquets und auch Optional Sergi Roberto ist das Team hier sehr breit besetzt.

Im Team gibt es allerdings auch einen großen Verlierer der Umstellung auf das neue 4-2-3-1: Riqui Puig. Der junge Spanier überzeugte speziell gegen Ende der letzten Saison als einer der einzigen Lichtblicke im sonst sehr faden und schlaffen Mittefeld der Katalanen. Speziell sein Zug zum Tor und seine Ballsicherheit taten dem Team extrem gut. Eine Passquote von 91% bei fast 70 gespielten Pässen pro 90 Minuten sind ebenso eindrucksvoll wie seine Quote für erfolgreiche Dribblings von 88,2% (2,1 Versuche pro 90 Minuten). Zum Vergleich: in seiner Debütsaison stand Frenkie De Jong bei 92,5% erfolgreichen Pässen (72 gespielt) und 71,7% erfolgreichen Dribblings (2,16 versucht) pro 90 Minuten. Zwar hat Riqui mit nur 11 Einsätzen auch eine deutlich kleiner Sample-Size, allerdings zeigt der Spanier damit in seiner Debüt-Saison bei den Profis nur sein unglaubliches Potential. Viele Fans und Medien hatten aufgrund seiner Leistungen auch erwartet, dass Puig in der nächsten Saison deutlich mehr Einsatzzeit erhalten würde als noch zuvor. Doch dann kam alles anders für den Youth League Sieger von 2018. Neu-Trainer Koeman soll ihm nun eine Leihe nahegelegt haben. Zu groß soll die Konkurrenz sein. Doch das Problem von Puig ist jedoch höchstwahrscheinlich ein ganz anderes: Es gibt seine Position nicht mehr. Riqui sieht sich im Prinzip mit demselben Problem konfrontiert, das auch Phil Coutinho bei seiner (ersten) Ankunft hatte: Im aktuellen System gibt es seine stärkste Position nicht. Es ist nicht so, dass Puig von der Qualität her groß hinter den anderen Spielern für die Doppelsechs liegen würde; ganz im Gegenteil: Der Katalane dürfte, nach De Jong und eventuell Pjanic, aktuell der zweit-/drittstärkste sein, was die reine Spielstärke angeht. Auch bei den Spielern, die realistisch für die 10 in Frage kommen dürften, sollte er weiter vorn in der Hackordnung auftauchen. Zwar ist Coutinho noch klar stärker und auch Messi und Griezmann, die in der Vorbereitung bereits den Startplatz auf dieser Position eingenommen haben, sind ihm natürlich noch weit voraus. Bei denjenigen Spielern, die hier eingewechselt wurden (Pedri und Trincao), sieht das jedoch schon ganz anders aus. Dementsprechend dürfte eigentlich nur der Spieler, der von Messi, Griezmann und Coutinho am jeweiligen Tag auf der 10 startet, vor Riqui sein (die anderen beiden weichen ja sowieso auf den Flügel oder das Sturmzentrum aus). Allerdings gibt es ein Problem: Die 10 ist nicht Riquis angestammte Position.

Aufgrund dieser Tatsache (schon aufgrund seiner Ausbildung beim Club, wo alle Teams das traditionelle 4-3-3 spielen, ist Puig definitiv eher ein 8er), scheint Koeman ihn deshalb nicht für die 10 einzuplanen. Anders lässt es sich zumindest nicht erklären, dass er dem jungen Spanier eine Leihe ans Herz gelegt hat. Stattdessen will er hier (so man den Testspielen vertrauen darf) eher auf Pedri und auch Trincao als Back-Ups bauen. Puig wurde, in seinen zwei Einsätzen in den Testspielen, immer als 6er eingewechselt. Zwar ist der kleine Spanier auch defensiv stärker, als sein zarter Körper vermuten lässt (der Spanier setzt ca. 20 Mal pro Spiel einen Gegenspieler unter Druck, Erfolg hat er damit allerdings nur bei 20% dieser Versuche), allerdings macht ihn das trotzdem nicht zu dem Spielertyp, den Koeman für sein System will/braucht. Eine Doppelsechs bestehend aus De Jong und Puig wird schlicht und ergreifend zu defensivschwach sein. In der Nationalmannschaft hat Koeman De Jong häufig Zweikampf- und vor allem Laufstarke Spielertypen zur Seite (häufig bestand das Mittelfeld neben De Jong aus Wijnaldum sowie einem von Pröpper und De Roon) gestellt, die ihn in der Defensive unterstützen können und es ihm ermöglichen, gleichzeitig mehr nach vorn arbeiten zu können. Riqui hingegen würde selbst einen solchen Spieler neben sich brauchen; einen mit einem etwas stärkeren Körper als seinem; jemanden, der regelmäßig Zweikämpfe für sich entscheiden kann und gleichzeitig in der Offensive für Aufregung sorgt (das typische Bild eines „Box-to-Box“-Mannes eben). De Jong ist zwar defensiv stark, allerdings eher im Sinne eines Busquets (der Taktiker) als in der eines Vidals (der Krieger). Beide könnten zwar zusammenspielen, dafür müsste Puig aber auf der 10 ran und ein dritter Mittelfeldspieler auf die rechte Position der Doppelsechs (nächste Saison wohl Pjanic). Zwar kommt mit Philippe Coutinho ein absoluter Weltstar für die 10 zurück, trotz dessen wäre es schon für die Konkurrenz wünschenswert, auch Puig hier Chancen zu ermöglichen.

„[Ich habe] ihm klargemacht, dass man als junger Spieler spielen muss. Das habe ich ihm auch gesagt. Ich habe gesagt, dass seine Zukunft hier liegt und wir darüber nachdenken, welches der beste Weg ist, um bei Barca erfolgreich zu sein“

Ronald Koeman über die Gerüchte um Riqui Puig

Trotz dieser taktischen Voraussetzungen ist es dennoch enttäuschend von Koeman, dass er dem jungen Spanier anscheinend nicht genug vertraut, um ihm einen Startplatz oder zumindest regelmäßige Minuten zu ermöglichen. Von einem Trainer, der bei seiner Anstellung gefordert hat, auf die Jugend zu setzen, hätte man alles erwartet…bis auf die Ausbootung des größten Mittelfeldtalents, das der Club in den letzten 10 Jahren hervorgebracht hat. Natürlich passt Puig nicht unbedingt perfekt in das angestrebte neue System und natürlich ist die Konkurrenz enorm. Allerdings wäre es dem Spanier zuzutrauen, eine ernsthafte Alternative für die Offensive darzustellen, wenn Koeman ihm den defensiven Part auf der 6 schon nicht zutraut. Puig ist sehr passsicher und dribbelstark, dazu bringt er den Mut zum Abschluss mit. Es wäre ihm zuzutrauen, auch auf der 10 starke Leistungen zu bringen, selbst wenn es in diesem Jahr weiter nur von der Bank aus wäre. Das muss auch Koeman klar sein. Die einzige logische Erklärung, die ich für seine Aussage habe, Riqui solle sich bestenfalls nach einer Leihe umsehen, ist die, dass Koeman ihn unbedingt als Starter in einem starken Team sehen möchte, um seine Entwicklung voranzutreiben. Eine Vermutung, die Koemans Interview nach dem Sieg über Elche im letzten Test auch bestätigt hat. Laut Koeman braucht Riqui viel Spielzeit… eine Voraussetzung, die er ihm in Barcelona in dieser Saison wohl scheinbar nicht bieten können wird. Zu stark ist aktuell die Konkurrenz und vor allem zu unpassend das System. Alles scheint (hoffentlich) wie der Teil eines länger angelegten Plans, nach dem Koeman im nächsten Sommer, mit größerer finanzieller Freiheit, ein Team aufbauen will, welches neben De Jong auch den weiterentwickelten Puig perfekt einbaut, wodurch die beiden plus Spieler X (Pjanic? Alena? Jemand ganz anderes?) ein perfektes Mittelfeld-Trio aufbauen, welches Europas Fußball in Aufruhr versetzt. Vielleicht ist das alles aber auch nur ein weiterer blinder und viel zu kurzsichtig getätigter Transfer, welcher sowohl Puig und seiner Entwicklung als auch dem FC Barcelona auf lange Sicht schadet und das Team weiter in den Abgrund reißt. Als Barca-Fan hilft wohl nur zu hoffen, dass Koeman wirklich einen Plan hat und diesen auch mit Konsequenz verfolgt.

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