Post-Beben Barca – Wie läuft der Umbruch bisher in Katalonien?

Nach einem Sommer, in dem viele Veränderungen angekündigt worden, geht der FC Barcelona nun in eine zukunftsweisende Saison 20/21. Wie steht es um den entthronten spanischen Meister, der seit langem mit Altersbeschwerden zu kämpfen hat?

Nach einem (Spät)Sommer voller Änderungen…wie steht es jetzt um den katalanischen Traditionsverein?

Wie genau ein Umbruch im Fußball aussieht, ist von Verein zu Verein unterschiedlich. Es gibt Teams, die sich ständig im Umbruch befinden und denen man kaum anmerkt, dass sie sich stets verändern (man siehe junge Teams wie Ajax Amsterdam oder Borussia Dortmund, denen stets die jungen Stars weggekauft werden und die trotz dessen durch gutes Scouting immer stark bleiben) oder auch solche, bei denen der Umbruch lange auf sich warten lässt und die sich dann entweder nur für kurze Zeit (Real Madrid nach dem Abgang von Ronaldo) oder eben jahrelang nicht von einem Personalwechsel erholen (Spitzenbeispiel: AC Mailand). Der FC Barcelona war bis vor diesem Sommer auf einem sehr guten Weg, eher in die Richtung Mailand als in die von Real zu tendieren – und wenn man ehrlich ist, ist diese Entwicklung auch immer noch denkbar.

Zu wenig hat der Verein seit seinem letzten Champions-League Triumph im Jahr 2015 dafür getan, die nächste Generation an „Blaugranas“ zu fördern. Stattdessen wurde wie blind mit Geld um sich geworfen für Spieler, die entweder nur Mittelmaß (Andre Gomes, Martin Braithwaite), bereits über den Zenit waren (Arturo Vidal, Paulinho, Arda Turan) oder schlicht weg nicht in die Spielphilosophie des Vereins passten (Antoine Griezmann, zur Zeit der Verpflichtung auch Philippe Coutinho). Anstatt sich wie früher auf die eigene Jugend „La Masia“ zu konzentrieren, wurden, wie Messi es in seinem berüchtigten Goal-Interview ausdrückte, „nur Löcher gestopft, anstatt ein klarer Plan verfolgt“. In finanziell erfolgreichen Zeiten mag so eine Strategie zwar bis zu einem gewissen Grad aufgehen, speziell wenn man eben neben ein paar doch soliden Verpflichtungen (Frenkie De Jong, Clement Lenglet, Marc-Andre ter-Stegen) und weiterhin soliden Veteranen und Eigengewächsen (Gerard Pique, Sergio Busquets, Luis Suarez, Jordi Alba, Ivan Rakitic) auch noch den besten Fußballer aller Zeiten im Kader hat. Allerdings zeigt sich, dass, mit steigendem Alter genannter Veteranen und während einer finanziell eher prekären Situation wie der in er aktuellen, weltweiten Pandemie, diese eher planlose Transferstrategie auch Probleme mit sich bringt. Nach einer 2:8 Bloßstellung durch den amtierenden Champions-League Sieger aus München ist man in Katalonien nun endlich aufgewacht: der Kader ist zu alt, die Kassen leer und die Fans mit der Geduld am Ende. In Barcelona sollte endlich der lang ersehnte Schlussstrich unter die ungeschickten, sportlichen Entscheidungen in Bezug auf den Kader gezogen werden. Nach diesem Transferfenster stellt sich nun die Frage: In wie Fern haben die Verantwortlichen der „Azulgrana“ es also geschafft, den Umbruch loszutreten? Wie genau wird der Umbruch wohl weitergehen und werden die Katalanen auch nach dem Abgang ihres argentinischen Talismans (was eventuell sogar schon im nächsten Sommer bevorsteht) das Zeug dazu haben, weiter um Titel mitzuspielen?

Zu aller erst muss festgehalten werden: der Umbruch beim FC Barcelona steht gerade erst am Anfang. Aufgrund der finanziell wie beschrieben eingeschränkten Lage war es dem Verein nicht möglich, in diesem Transferfenster viele Einkäufe zu tätigen. Daran ist man zum Teil zwar definitiv auch selbst schuld, allerdings hat aufgrund der Pandemie generell kein Team in Spanien wirklich viel Geld ausgegeben können, da jeder Einkauf zwingen auch über einen vorherigen Abgang hätte finanziert werden müssen. So steht auf der Transferbilanz seit Ausruf des Umbruchs nur Sergino Dest auf der Haben-Liste des Vereins. Dazu gesellen sich noch Miralem Pjanic, Francisco Trincao, Pedri Gonzalez und Matheus Fernandes, die vor oder kurz nach Ausbruch von Corona verpflichtet wurden. Mal von Pjanic abgesehen, der mehr zum Ausgleich der Bücher verpflichtet wurde als alles andere, sind dabei immerhin alle Neuzugänge im richtigen Alter (U23, ohne Fernandes sogar U21), um einen Umbruch einzuleiten. Auf der Verkaufsseite stehen dagegen eher ältere Spieler oder eben solche, auf die Neu-Trainer Ronald Koeman wohl nicht mehr setzt. Da hätten wir zum einen Ivan Rakitic, Arturo Vidal, Luis Suarez, Rafinha Alcantara und auch Jean-Claire Todibo sowie Arthur, der quasi im Tausch für Pjanic und Geld nach Juventus transferiert wurde, und Nelson Semedo, der von Wolverhampton verpflichtet wurde (plus noch Carles Perez und Marc Cucurella, die nach ihrer Leihe von den jeweiligen Teams fest verpflichtet wurden, sowie einige weiter Leih-Abgänge). Insgesamt konnte damit also schonmal das Durchschnittsalter des Kaders rapide gesenkt werden. Gleichzeitig hat man allerdings auch einige Problemstellen im Kader nicht (genug) adressiert oder durch die jüngsten Transfers sogar verschlechtert.

“Ich bin zufrieden mit dem Personal, das wir haben. Wir haben versucht, es zu verbessern, in einigen Dingen haben wir es erreicht und in anderen nicht, aber es ist auch Teil der wirtschaftlichen Situation des Klubs. Wir müssen es akzeptieren und arbeiten.”

Ronald Koeman über den aktuellen Kader (via Barcawelt)

Welche das sind? Die erste Stelle ist nach einer 2:8 Schmach offensichtlich: die Defensive. Die aktuelle Viererkette liest sich wie folgt:

Jordi Alba – Gerard Pique – Clement Lenglet – Sergi Roberto

Im Vergleich zur Mannschaft aus Lissabon wäre da nur Roberto als Rechtsverteidiger eine tatsächliche Neuerung (wobei man bedenken sollte, dass Roberto natürlich keine wirkliche Neuerung ist, sondern einfach nur lieber im Mittelfeld aufläuft und Semedo in Lissabon den Vorzug bekam). Solange Koeman aus Junior Firpo (der aktuell ohnehin verletzt ist) nicht doch plötzlich noch eine Leistungssteigerung rauskitzelt, ist weiterhin kein ernsthafter Konkurrent/ keine ernsthafte Alternative für Jordi Alba im Kader (Dest kann zwar auch links, zu dem kommen wir aber gleich). Auch im Zentrum wurde nicht nachgebessert; trotz starker Bemühungen um eine Rückholaktion von Eric Garcia konnte hier keine Neuverpflichtung verkündet werden. Mit gerade einmal vier Etatmäßigen Innenverteidigern (Lenglet, Pique, Umtiti und Araujo) ist der Kader hier ebenfalls nicht endlos stark besetzt; man bedenke dazu noch die Verletzungsprobleme von Umtiti sowie das Alter von Pique. Dabei hätte gerade hier frisches Blut gutgetan, immerhin bestehen die defensiven Probleme der Mannschaft bereits seit geraumer Zeit. Allerdings muss natürlich die Verpflichtung von Sergino Dest positiv hervorgehoben werden; der US-Amerikaner mit holländischen Wurzeln dürfte vom Profil her gut ins Team passen und könnte mit seinen 19 Jahren sehr wahrscheinlich eine der Säulen des „neuen“ Barcelonas werden. Bereits in seinem kurzen Notfalleinsatz gegen Sevilla hinten links bewies er bereits, dass er stets den Druck nach vorne sucht und gleichzeitig auch seine defensiven Aufgaben nicht vernachlässigt. Was ebenfalls positiv hervorzuheben ist und eventuell verschmerzen lässt, dass die Defensive nicht ausreichend verstärkt wurde, ist die allgemeine Leistung der gesamten Viererkette in den ersten drei Pflichtspielen: Nur zwei Mal (und einmal davon auch nur per Strafstoß) musste Ersatz-Schlussmann Norberto Neto bisher den Ball aus dem Netz holen. Dabei hatte man mit dem frisch verstärkten Villareal, Angstgegner Celta Vigo sowie Europa-League-Sieger Sevilla bereits ambitionierte und starke Gegner. Man merkt dem Team allgemein an, dass Ronald Koeman es geschafft hat, wieder ein aggressives Pressing in der gesamten Mannschaft (Minus Lionel Messi für einige Phasen der Spiele) zu integrieren. Dieser Umstand allein erleichtert der defensiven Viererkette natürlich bereits das Leben. Allerdings sollte, speziell mit Hinblick auf die zweite Saisonhälfte, sollte man, wie immer, ein erfolgreiches Abschneiden in der Uefa Champions-League anpeilen, definitiv noch etwas für die Kaderbreite getan werden.

“Verteidigung beginnt immer mit den Stürmern. Wenn sie guten Druck ausüben, haben die Verteidiger nicht so viele Probleme. Das Thema Verteidigung betrifft die gesamte Mannschaft – das kann einer der Gründe für die Verbesserung der Verteidigung sein.”

Koeman über die Defensivleistung seines Teams (via Barcawelt)

Eine andere Problemposition, die zwar nicht erst in der aktuellen Transferperiode aufgetaucht ist, aber speziell nach dieser noch deutlich schwerwiegender wurde, ist die der „Nummer 9“. Luis Suarez war die letzten Jahre stets die unangefochtene Nummer 1 auf dieser Position, was aufgrund seiner Leistungen auch vollkommen berechtigt war. Allerdings haben es die Katalanen schon lange versäumt, einen adäquaten Ersatzmann für den alternden „Uru“ zu verpflichten. Weder Paco Alcacer noch Martin Braithwaite stellten je eine (für die Zukunft) ernstzunehmende Alternative oder gar Konkurrenz für Suarez dar. Und jetzt, nach seinem eher unrühmlichen Abgang zu Atletico Madrid, fehlt es hier vollständig an einem gelernten Stammspieler. Der Club war zwar sehr stark mit Lautaro Martinez in Verbindung gebracht worden, allerdings konnte Barca nie die von Inter aufgerufene Forderung von über 100 Millionen Euro auch nur im Ansatz erfüllen. Stattdessen, auch auf Wunsch von Trainer Koeman, konzentrierte man sich in den späten Phasen der Transferperiode auf Lyons‘ Memphis Depay. Auch dieser konnte jedoch aufgrund der finanziellen Lage nicht für den „Spottpreis“ von anscheinend nur 25 Millionen Euro (wovon in Jahr 1 anscheinend sogar nur 5-10 fällig gewesen wären) unter Vertrag genommen werden. Ohne eine Verpflichtung für diesen Mannschaftsteil steht der FC Barcelona nun also ohne echten Stoßstürmer da (denn seien wir ehrlich, Martin Braithwaite wird wohl niemals Stammspieler). Um diesem Problem zu begegnen, setzte Koeman hier bisher auf Lionel Messi oder auch auf Antoine Griezmann, welche beide die Position einer „falschen Neun“ bereits in ihrer Karriere ausgefüllt haben. Was in der Vorbereitung noch wie ein Wechselspiel der beiden aussah, hat sich in der Liga bisher so ausgedrückt, dass Messi immer auf der Neun und Griezmann über rechts gestartet ist (Ausgeklammert sei hier die letzte Begegnung mit Getafe. Diese Konstellation mit Griezmann vorne und Dembele, Pedri und Messi dahinter dürfte allerdings eher an der Rotation gelegen haben). Innerhalb des Spiels tauschen die beiden, zusammen mit Ansu Fati auf links, dann immer wieder die Positionen, um so ein fluides Positionsspiel zu ermöglichen. Allerdings ist vor allem Griezmann in diesem Dreiergespann bisher viel zu häufig untergetaucht. Auch Messi als Zentrumsstürmer ist nicht ideal besetzt, da er so weniger am Spielaufbau teilnehmen kann. Speziell die Ligapartie gegen Sevilla offenbarte, dass Barcelona hier dringend nachlegen muss, so gut die restliche Offensive um Coutinho, Fati, und Messi (Griezmann fällt wie gesagt bisher deutlich ab) bisher auch funktioniert.

Ich glaube, er arbeitet gut. Wir könnten vorne einen besseren Ertrag haben. Das Einzige, was ein Spieler machen kann um diese Situation zu ändern, ist viel zu arbeiten.

Koeman über Antoine Griezmann (via Barcawelt)

Ansonsten sind allerdings gute Ansätze zu beobachten. Speziell das Mittelfeld ist durch Koeman und die Umstellung auf eine Doppelsechs wieder deutlich sicherer. Mit Frenkie De Jong und auch Riqui Puig (und eventuell Carles Alena) sind hier außerdem bereits (mindestens) zwei Säulen für die Zukunft im Kader. Dazu gesellen sich noch Sergio Busquets und Miralem Pjanic, wodurch im Mittelfeld auch ein guter Mix aus Alt und Jung vorzufinden ist. Auch der junge Pedri, der mit zunehmender Spiellänge oder wie zuletzt zur Rotaton häufig für Coutinho auf der 10 Platznimmt, zeigt bereits hervorragende Ansätze. Die Flügelpositionen sind mit Jugend-Juwel Ansu Fati, dem wiedergenesenen Ousmane Dembele, Neuverpflichtung Francisco Trincao und auch dem aufstrebenden Konrad De La Fuente so stark besetzt wie seit dem Abgang von Neymar nicht mehr. Allgemein scheint die Mannschaft wieder in einer guten Stimmung zu sein (selbst Lionel Messi) und steht zudem auch wieder hinter dem Trainer und dem Projekt, welches dieser gerade einleitet. Jetzt heißt es für Koeman, Bartomeu und natürlich auch wer auch immer auf die beiden folgen wird auf diesem kleinen Teil-Erfolg weiter aufzubauen und so in Zukunft auch andere Baustellen im Kader zu beseitigen. Man sollte dies allerdings nicht wie in Vergangenheit mit der Intention tun, kurzfristig Löcher zu stopfen, sondern dabei einer klaren Vision und einem klaren Plan für die Zukunft folgen. Nur so kann der große FC Barcelona zu alter Stärke und Dominanz zurückkehren. Es lässt sich nur hoffen, dass die Nachbeben der großen Erschütterung von Lissabon noch lange weiterwirken.

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