Frag den Doc – Kann Rivers die kaputten Sixers reparieren?

Nach einer krachenden Niederlage gegen die Boston Celtics haben die Philadelphia 76ers mit Doc Rivers nun einen neuen Coach von Star-Format. Kann der ehemalige Coach der L.A. Clipper "the Process" endlich wieder in Gang bringen?

Von Brown zu Rivers – Kann der Star-Coach „the Process“ zurück in die Spur bringen?

Sang- und klanglos sind die Philadelphia 76ers aus den NBA-Playoffs ausgeschieden. Die Erwartungen vor der Saison waren wie eh und je hoch, was das (erneut) enttäuschende Ende der Saison umso schmerzhafter für Fans machte. Anstatt mit einem NBA-Titel (oder wenigstens mal einer Finals-Teilnahme) steht man nach einer 4-0 klatsche durch die Bosten Celtics mal wieder nur mit einem Scherbenhaufen da. Natürlich hat die Verletzung von All-Defensive-Team- und 3rd-Team-All-NBA-Guard Ben Simmons nicht sonderlich geholfen, aber auch mit dem hochveranlagten Australier wären die „Sixers“ wohl nur sehr schwer an den befreit aufspielenden Boston Celtics (und im weiteren Verlauf auch nur extrem schwer an den extrem gut gecoachten Toronto Raptors oder gar dem aktuellen Finalisten aus Miami und seiner Kombination aus extremer Tiefe und endlosem Shooting) vorbei gekommen. Statt einer strahlenden Postseason, in welcher das Tandem aus Simmons und Center Joel „The Process“ Embiid endlich aufblühte und die Eastern Conference Playoffs dominierte, stehen die Mannen aus der Stadt der brüderlichen Liebe jetzt also vor einem schweren Neustart. Embiid und Simmons sind zwar extrem starke Einzelspieler, allerdings sind ihre Skillsets nicht zwangsweise Kompatibel. Beide Spieler sind nicht unbedingt gute Werfer; Embiid glänzt als einer der letzten „echten“ Center im Low-Post in einer etwas langsameren Offensive, Simmons ist ein Guard im Körper eines Forwards, der vor allem durch seine Fähigkeiten im Spielaufbau und in Konter-Situationen im „Open-Court“ auf sich aufmerksam macht. Beide benötigen viel Platz in der Zone und um den Korb herum, um sich voll entfalten zu können. Dies führt natürlich zum Problem, dass sich beide oft gegenseitig den Platz wegnehmen. Zu lösen wäre dieses Problem eigentlich nur, indem man beide mit vielen starken Werfern umgibt, welche für Spacing sorgen können. Aber genau dieses von der Idee her sogar sehr simple Konzept haben die „Seventysixers“ in den letzten zwei Jahren stark vernachlässigt.

Sehen wir uns den Kader aus den Playoffs 2018 an und vergleichen ihn einfach mal mit dem heutigen Spielermaterial. Damals in der Startaufstellung (sortiert nach gespielten Minuten pro Spiel; Quelle: basketballreference.com): Ben Simmons (PG), Robert Covington (SF), Joel Embiid (C), J.J. Redick (SG) und Dario Saric (PF). Covington (36,9% in 6,9 Versuchen/Spiel), Saric (39,3% in 5,1 Versuchen/Spiel) und vor allem Redick (42% bei 6,6 Versuchen/Spiel) sind alles überdurchschnittliche Werfer, was den 3-Punkte-Wurf angeht. Außerdem im Kader: Marco Bellinelli (38,5%), Eran Ilyasova (36,1%), Jarryd Bayless (37,0%) und T.J. McConnell (42,5%), die ebenfalls starke Werfer sind und viele und wichtige Minuten von der Bank aus übernommen haben. Dementsprechend war es zu jeder Zeit möglich, Embiid und/oder Simmons mit guten Werfern zu umgeben und ihnen so viel Platz in der Offensive zu ermöglichen. Da dieses Team ironischerweise allerdings ebenfalls relativ krachend mit 4-1 gegen (ironischerweise ebenfalls) die Celtics ausgeschieden ist, sollte der damals bereits lang 5 Jahre andauernde „Process“ beschleunigt werden.

2019 sah der Kader bei der knappen 4-3 Niederlage gegen die Toronto Raptors schon deutlich anders aus. Saric und Covington wurden für Jimmy Butler von den Minnesota Timberwolves eingetauscht und Rookie Landry Shamet (der ebenfalls 40,5% bei 4,5 Versuchen von der Dreierlinie getroffen hat) wurde für Tobias Harris getraded. Damit bestand die Starting-5 nun aus Simmons (PG), Redick (SG), Butler (SF), Harris (PF) und Embiid (C). Zwar sind Harris und Butler deutlich bekanntere und gefürchtetere Namen als Covington und Saric, allerdings sind beide auch schlechtere Schützen was den Dreier betrifft. Die Offensive war dementsprechend etwas weniger ausgedehnt, was Embiid und Simmons den Platz in der Mitte wegnahm. Häufiges Bild in den Playoffs war deshalb ein Ben Simmons, der in wichtigen Phasen, in denen er häufig die Position des Ballführers an Jimmy Butler abgeben musste, nur stumpf in der Ecke oder unter dem Korb stand, von seinem Verteidiger häufig nicht beachtet wurde und gleichzeitig aber auch nichts für sein Team tun konnte. Trotz dessen konnte das Team nur durch einen Wunder-Buzzer-Beater vom später zum Finals-MVP gekrönten Kawhi Leonard vom Finaleinzug abgehalten werden, weshalb die Erwartungen für die Saison 2019/2020 entsprechend hoch waren.

Auch vor der Saison 2019/2020 waren die Sixers deshalb wieder sehr aktiv auf dem Trade-Markt. Sowohl Butler als auch Harris mussten verlängert werden; man entschied sich dazu, nur mit einem von beiden weiter zu gehen: Tobias Harris erhielt einen Max-Vertrag, Butler wurde gehen gelassen. Es sollte dementsprechend ein Ersatz für den Guard/Forward her. Gefunden wurde dieser in Miami mit Josh Richardson, der per „Sign-and-Trade“ im Tausch für Butler den Weg nach Philadelphia fand. Auch Scharfschütze J.J. Redick wurde nicht verlängert; das dadurch frei gewordene Geld wurde in einen weiteren Forward/Center gesteckt: Al Horford kam als Free Agent in die Stadt der brüderlichen Liebe. Die Startaufstellung, vor der Saison bereits für ihr defensives Potential gefürchtet, bestand damit also aus: Simmons (PG), Richardson (SG), Harris (SF), Horford (PF) und Embiid (C). Der ideale Gedanke für diese Kombination war vor der Saison, dass sowohl Richardson als auch Harris und Horford gut genug von der Dreierlinie werfen, sodass sie Simmons und Embiid genug Platz in der Zone geben. Das Problem mit diesem Gedanken zeigte sich allerdings recht schnell: keiner der drei warf konstant genug, um stets vom Perimeter ernst genommen zu werden. Stattdessen zeigte sich häufig das Bild, das Teams gegen Philadelphia einfach die Zone „vollstellen“ und den Drei-Punkte-Wurf völlig ignorierten – und dem Team damit komplett den Raum zur Entfaltung wegnahmen. Die Statistiken des Teams belegen dieses Bild: trotz einer Top 6-Defensive (108,4 Punkte erzielten gegnerische Teams im Durchschnitt) kam „Philly“ aufgrund seiner offensiven Limitationen (110,7 Punkte pro Spiel, gerade mal Rang 20 im Ligavergleich) nur zu einem enttäuschenden 6. Platz in der Eastern Conference. Sündenbock für dieses doch schwer enttäuschende Abschneiden wurde der nun entlassene Coach Brett Brown. Zu selten schaffte er es, die richtigen Kniffe für das Team zu finden. Dabei versuchte er speziell in seiner letzten Saison sogar recht viel. Allerdings half weder die Hereinnahme von Furkan Korkmaz (40,2% bei 2,0 Versuchen von der Dreierlinie) für Al Horford noch die von Shake Milton (43% bei 3,4 Würfen für 3) und die dadurch resultierende Verschiebung von Ben Simmons auf die Position des Power Forward im späteren Saisonverlauf. Trotz dessen wurde ihm stark angekreidet, die beiden schlecht passenden Puzzleteile Embiid und Simmons nie passend gemacht zu haben. Man muss ihm jedoch zugutehalten, dass es mit der aktuellen Kaderzusammenstellung auch kaum eine realistische Chance dazu gab. Diesen undankbaren Job darf jetzt Doc Rivers übernehmen.

“Ich glaube, Doc kann uns helfen, unser volles Potenzial auszuschöpfen und unseren Kampf um einen Meistertitel voranzutreiben”

General-Manager Elton Brand über Doc Rivers

Rivers steht ebenfalls stark in der Kritik, nachdem seine L.A. Clippers nach einer 3-1 Führung noch mit 3-4 gegen die Denver Nuggets ausgeschieden sind. Ihm wurde im Nachgang der Niederlage mehrfach vorgeworfen, nicht flexibel genug auf Veränderungen in der gegnerischen Spieltaktik eingegangen zu sein – ein Kritikpunkt, den sich auch Brett Brown in seinen 7 Jahren in Philadelphia häufig gefallen lassen musste. Rivers ist – wie Brown – vor allem als guter „Man-Manager“ bekannt. Er kann sehr gut die Egos von (mehreren) Stars jonglieren und gleichzeitig ein solides und motiviertes Team auf den Court stellen. Für ein extrem kompetitives Rivers-Team muss man nur 1 Jahr zurücksehen: Die Clippers der Vorsaison hatten keinen „echten“ Star und schafften es trotzdem auf den 8. Rang in einer starken Western Conference. Die Gruppe um Danilo Gallinari, Lou Williams und Montrezz Harrell gab gegen die Warriors eine gute Serie ab und schaffte es überraschend sogar auf 2 Siege. Innerhalb der Saison wirkte Tobias Harris, mit dem Rivers nun wieder vereint sein wird, wie ein Fast-All-Star und der damalige Rookie Shai Gilgeous-Alexander machte sich selbst zu einem extrem heißen Prospect für die nächste Generation von Point-Guards. Natürlich sind die Clippers von damals vom Spielermaterial auch deutlich anders als die Sixers von heute. Allerdings heißt das nicht, dass Rivers hier nicht ebenfalls eine sehr gefährliche „Starting-5“ auf den Court stellen wollen wird. Fraglich ist allerdings, ob diese aus dem vorhandenen Spielermaterial besteht, oder noch Trades stattfinden werden/müssen.

Joel Embiid über seinen neuen Coach

Zuerst muss klar gemacht werden: Rivers (und auch seine neuen Vorgesetzten) haben den Anspruch, das Duo Simmons-Embiid doch noch florieren zu lassen. Dementsprechend sind die Center Position und die des Point Guard ODER des Power Forward bereits besetzt. Die Frage ist jetzt, wer vom „Rest“ als wichtig und wer als verzichtbar angesehen wird. Den höchsten Tradewert im Kader dürften davon Matisse Thybulle und Josh Richardson haben. Thybulle geht erst in sein zweites Jahr, hat sich aber bereits jetzt als einer der besten individuellen Verteidiger der gesamten Liga gezeigt. Richardson mag nicht die beste Saison hinter sich gebracht haben, allerdings hat er in Miami bereits sein Two-Way Potential gezeigt und ist, im Vergleich zu den restlichen Startern, auch unter einem sehr tradefreundlichen Vertrag (rund 22 Millionen über die nächsten zwei Saisons verteilt). Allerdings ist es fraglich, ob Philadelphia beide überhaupt abgeben wollen würde. Vom Profil her (Thybulle als 3&D G-F und Richardson als 2-Way-Shooting-Guard, der zusätzlich den primären Ballführer entlasten kann) passen beide deutlich besser zu Simmons und Embiid als beispielsweise ein Al Horford. Wenn sich ihre Dreierquote verbessern sollte und Rivers ein Pick-and-Roll mit Richardson als Ballführer und entweder Simmons oder Embiid als Blocker implementieren kann (denkbar, wenn man bedenkt, dass unter ihm Williams und Harrell zu einem der gefürchtetsten Duos der Liga wurden), dürften diese drei/vier sogar sehr gut harmonieren. Auch Harris könnte in so einem System funktionieren (was Simmons auf PG schieben würde), allerdings müsste er dafür wieder zu seiner alten Clippers-Form finden. Nur gut, dass er dafür wieder mit seinem alten Coach vereint sein wird. Unter Rivers war Harris stets eine Gefahr von der Dreierlinie und wurde, wenngleich aufgrund von fehlenden Alternativen in Los Angeles, auch dazu ermutigt, seinen eigenen Wurf zu kreieren und auch aktiv zu suchen. Gerade für diese Qualität wurde er ja ursprünglich von den Sixers verpflichtet und auch verlängert.

Ein Team bestehend aus Simmons, Richardson, Thybulle (oder auch ein besserer Werfer wie Korkmaz oder auch Milton, wenn nicht sogar noch jemand per Trade kommen sollte), Harris und Embiid klingt auch ein Jahr nach ihrer Zusammenstellung und selbst nach der schwachen Performance in der „Bubble“ nach viel Potential. Das Team ist auch dann nicht perfekt – allerdings ist das bei diesem unpassenden Paar auf Power Forward und Center auch fast unmöglich, wenn man ehrlich ist. Es wird an Rivers liegen, sein neues Team jetzt nach der enttäuschenden Post-Season wieder neu zu motivieren, Embiid endlich in eine gute Form zu bringen und vielleicht sogar Simmons zum werfen zu ermutigen. Brown soll den Locker-Room speziell in seiner letzten Saison verloren haben, Rivers muss ihn wieder unter Kontrolle bringen. Vielleicht reicht das ja schon, um die Sixers zu heilen.

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