Der verlorene Stern – Kann “Dembouz” zurück zu alter Stärke finden?

Ousamane Dembélé ist seit seiner Ankunft in Katalonien von zwei Dingen geplagt: ständigen Muskelverletzungen und einem gigantischen Preisschild von 115 Millionen Euro. Kann der hochveranlagte Franzose seine vergangenen Probleme endlich abschütteln, um in Barcelona durchzustarten?

Kann der junge Franzose endlich eine Saison verletzungsfrei überstehen, um seine Karriere wiederzubeleben?

Der Transfersommer 2017 war extrem turbulent. Wer sich nicht genau erinnert: 2017 war das Jahr, in dem Paris Saint-Germain den zukunftsweisenden Neymar-Transfer für 222 Millionen Euro unter Dach und Fach gebracht hat. In Barcelona war anschließend die Panik ausgebrochen und es sollte unbedingt ein neuer Spieler für den linken Flügel verpflichtet werden. Kandidat Nummer 1: der damals 20-jährige Ousmane Dembélé von Borussia Dortmund. Der junge Franzose war im Sommer zuvor für gerade mal 15 Millionen Euro von Stade Rennes verpflichtet worden und zeigte in seinem ersten Jahr in der Bundesliga extrem gute Leistungen; legte satte 13 Tore auf und erzielte selbst noch 6 weitere. Seine Kombination aus Technik, Dribbelstärke und Geschwindigkeit weckte Begehrlichkeiten in ganz Europa und es war schnell klar, dass seine Zeit in Dortmund wohl nicht lange anhalten wird. Dass er dann allerdings doch bereits ein Jahr nach seiner Verpflichtung bereits wechseln wird, hat wohl keiner für sehr wahrscheinlich gehalten. Tja, allerdings dachte auch niemand, dass jemand 222 Millionen Euro für einen einzigen Spieler auf den Tisch legt.

Dembélé wechselte also für 115 Millionen Euro zum FC Barcelona. Allerdings war der Wechsel hinter den Kulissen noch deutlich komplizierter. Der BVB war nämlich überhaupt nicht daran interessiert, den jungen Franzosen nach nur einem Jahr in schwarz-gelb wieder ziehen zu lassen… selbst nicht für einen Preis in den Dimensionen von knapp unter 100 Millionen Euro; der ersten Offerte der Katalanen. Dortmund verharrte damals, ähnlich wie dieses Jahr mit Jadon Sancho, auf einer Ablöse von 150 Millionen Euro. Eine Summe, die Barcelona trotz der französischen Finanzspritze nicht aufbringen wollte. Viel wurde über die nächsten direkten Schritte der Katalanen berichtet, sicher ist jedoch nur: Um seinen Abgang zu erzwingen, ging „Dembouz“ in einen Trainingsstreik. Ob nun wirklich auf Anraten der Katalanen soll hier offen bleiben… allerdings ist es schon sehr ungewöhnlich, dass bei Coutinho ein halbes Jahr später ein ähnliches Verhalten zu beobachten war (dieser setzte ungewöhnlich lange mit Rückenbeschwerden aus).

Ein Blick in die Vergangenheit verrät, wieso Barcelona Dembélé für so viel Geld verpflichtet hat

Nach diesem erfolgreichen Streik, durch welchen der BVB sich “wenigstens” auf die schlussendlichen 115 Millionen (plus Boni sind diese bereits auf 130 gestiegen) drücken ließ, wechselte Dembélé dann also zu seinem Lieblingsverein. Das Karma seines unrühmlichen Abgangs aus Deutschland holte ihn jedoch schnell wieder ein: In Dortmund noch von Verletzungen verschont geblieben, verletzte er sich in Barcelona bereits in seinem zweiten Einsatz gegen Getafe am Oberschenkel. In der Folge fehlte der Franzose bis zum Jahreswechsel, allerdings wartete auch schon der nächste Rückschlag: In seinem zweiten Einsatz nach seiner Genesung verletzte er sich gegen Sociedad erneut; dieses Mal fiel er durch einen Muskelbündelriss erneut für rund einen Monat aus. In der Folge kam er jedoch wieder regelmäßig zu Einsätzen, kam in 15 Ligaspielen danach immerhin auf 3 Tore und 6 Assists. Auch im nächsten Jahr wurde er immer wieder durch Verletzungen zurückgeschlagen; fehlte dem Verein speziell in der zweiten Saisonhälfte effektiv in jedem zweiten Monat mit einer Muskelverletzung. Auf die Spitze kam dieser Trend im letzten Jahr: Nach einer weiteren Oberschenkelverletzung Anfang der Saison holte sich der Franzose erst einen Muskelbündelriss Ende November 2019 und direkt im Anschluss, 2 Tage nach seiner offiziellen Genesung Anfang Februar, eine weitere Oberschenkelverletzung, die ihn über ein halbes Jahr außer Gefecht setzte. Seit seiner Verpflichtung fehlte Dembélé dem Team somit bereits insgesamt 512 Tage (Zahlen von Transfermarkt.de).

Nach so vielen Verletzungssorgen ist die Geduld von Fans und Offiziellen des FC Barcelona verständlicherweise stark strapaziert. Hinzu kommt eine Historie von Undiszipliniertheiten von Dembélé selbst (der Franzose soll speziell in seiner Anfangszeit in Barcelona durch schlechte Ernährung und nächtliche Gaming-Eskapaden negativ aufgefallen sein), weshalb der Weltmeister von 2018 langsam aber sicher im Ansehen – allerdings auch in der sportlichen Hackordnung! – abgefallen ist. Richtung Deadline-Day in der vergangenen Transfer-Periode wurde er deshalb stark mit einem Wechsel in Verbindung gebracht – auch um einen Transfer seines direkten Nachfolgers, Memphis Depay, zu ermöglichen. Manchester United, die ihrerseits an den finanziellen Vorstellungen des BVB über einen Transfer von Jadon Sancho gescheitert sind, soll stark an Dembélé interessiert gewesen sein. Dieser wehrte sich jedoch bis kurz vor Schluss vor einem Abgang. Als dann statt einem Kauf eine Leihe im Gespräch war, wurde der Franzose offener einem Wechsel gegenüber – allerdings scheiterte die Leihe letztendlich an der Verweigerung Dembélés, seinen 2022 auslaufenden Vertrag vorher noch zu verlängern (was die Bedingung der Katalanen für einen temporären Abgang des hochveranlagten Flügelflitzers gewesen sein soll).

“Ich denke, er arbeitet gut in letzter Zeit. In der ersten Hälfte [gegen Getafe] hatte er viele Ballverluste, aber das Risiko und das direkte Spiel gehören zu seiner Art zu spielen. Er ist einer mehr im Kader, der daran arbeitet, Minuten und Spiele zu bekommen.”

Trainer Ronald Koeman über Ousmane Dembélé (Quelle: SportBILD)

Der Franzose steht dementsprechend vor einer richtungsweisenden Saison in Spanien: Kann er endlich für eine Saison von größeren Verletzungen verschont bleiben und gleichzeitig mit starken Leistungen auf dem Platz auf sich aufmerksam machen, um seinen Verbleib zu sichern? Die Grundlagen dafür sind (eigentlich) gelegt: Die Pause des Franzosen war lang genug; sein(e) Oberschenkel sollte(n) nach einer über halbjährigen Pause wohl endlich wieder vollständig genesen sein. Dazu steht mit Ronald Koeman jetzt auch ein Trainer an der Seitenlinie, der von sich aus schon mehrfach betont hat, dass er Leistung über Ansehen stellt… wie genau er das jetzt immer umsetzt, ist natürlich ein anderes Thema…Stichwort: Antoine Griezmann. Der Franzose ist aktuell wohl zusammen mit Neuzugang Francisco Trincao der größte Konkurrent Dembélés um den Startplatz auf dem rechten Flügel; Ansu Fati auf der anderen Seite ist in seiner aktuellen Form nämlich (zurecht!) einer der sichersten Starter im gesamten Team. Zum Leidwesen des 23-jährigen Franzosen scheinen seine Konkurrenten aktuell allerdings vor ihm in der Hackordnung zu stehen: Griezmann startet für gewöhnlich jedes Spiel; Trincao gehört zu den bevorzugten Wechseloptionen von Trainer Ronald Koeman. Für Dembele gab es in der aktuellen Saison deshalb erst 4 Einsätze; neben den drei Kurzeinsätzen gegen den FC Villareal und Ferencvaros Budapest sowie zuletzt im “Clasico” gegen Real Madrid kam sein einziger Start beim enttäuschenden 0:1 bei Getafe. In der Liga waren seine Auftritte eher schwach, allerdings passt das zum Bild, welches der ehemalige Dortmunder immer nach einer Verletzung zeigt: er kommt sehr langsam in den Tritt. Gegen das wehrlose Villareal waren zwar gute Ansätze zu sehen, gegen Getafe jedoch sah man Dembélé seinen Rost an: ganze 12 Mal verlor der Franzose den Ball in der ersten halben Stunde. In der Champions-League war Dembélé dafür umso besser drauf: Gegen den aufmüpfigen Gegner aus Ungarn kam der Franzose mehrfach zu gefährlichen Aktionen auf dem rechten Flügel, speziell seine Dribblings waren für die Müden Ungarn gefühlt nicht zu verteidigen. Der wunderschön vorbereitete Treffer von Pedri (das Dribbling gegen zwei Verteidiger hatte starke „Messi-gegen-Boateng“-Züge) UND dass er dazu kurze Zeit später sogar nach Vorlage von „La Pulga“ selbst noch ins Netz traf, betont seine starke Leistung noch weiter. Dembélé hat endlich wieder seine Klasse und sein unendliches Talent aufblitzen lassen.

Des einen Leid, des anderen Freud: Kann Dembélé von
Coutinhos Verletzung profitieren?

Auch wenn es nur gegen Ferencvaros ging, Dembélé hat sich in diesem Spiel für weitere Minuten beworben. In den nächsten Partien und Kurzeinsätzen (die bestenfalls länger und aussichtsreicher sind als der gegen Madrid) wird es an Dembélé sein, diese Minuten dann auch zu rechtfertigen. Der Franzose ist in dieser Saison sicherlich so weit entfernt von der Startelf wie noch nie zuvor (auch aufgrund der neu gefundenen Breite im Kader), allerdings hat er zweifelsohne das Talent, um sich zurück ins Rampenlicht zu spielen. Dazu kommt der Hoffnungsschimmer am Horizont: Griezmann wurde für das erste „El Clásico“ der Saison zum Joker degradiert; Ersatzmann Pedri zeigte (seinem jungen Alter entsprechend) eine eher wackelige Leistung – wer genau vorn rechts den Startplatz für die nächsten Partien bekommt, scheint also wirklich offen zu sein. Hinzu kommt die Verletzung von Philippe Coutinho, die einen weiteren Platz in der Offensive (eventuell einfach nur einen anderen für Griezmann?) frei macht. Die Frage ist jetzt, ob Dembélé es wirklich auch endlich schafft, über einen längeren Zeitraum Leistungen zu bringen und sich so einen Platz in der Mannschaft zu verdienen. Wenn er es nicht schafft, könnte schon im Winter der Weg nach England zu Manchester United bevorstehen. Er wird dann durch Memphis Depay ersetzt werden und in Barcelona als „verlorener Stern“ und verschwendetes Talent in Erinnerung bleiben. Sollte er es allerdings schaffen, endlich an seine Zeit aus Dortmund anzuknüpfen, könnte dem Franzosen eine rosige Zukunft in „Blaugrana“ bevorstehen. Barcelona braucht Spieler wie Dembélé, um langfristig erfolgreich zu bleiben. Und Dembélé muss sich wiederum auf einer Bühne wie der in Barcelona beweisen, um wirklich zu den ganz großen zu gehören. Es ist an „Dembouz“ (und seinen Muskeln), seinen Traum von einer großen Barcelona-Karriere mit guten Leistungen und harter Arbeit am Leben zu erhalten.

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