Das Problem mit dem System – Ronald Koeman und sein 4-2-3-1

Ronald Koeman lässt sein Team trotz aller Ausfälle, schwacher Formkurven und Defensivprobleme weiterhin strikt im 4-2-3-1 auflaufen. Sollte der ehemalige Bondscoach darüber nachdenken, etwas von seinem Lieblingssystem abzurücken?

Wie lange kann der Niederländer noch an seiner Lieblingsformation festhalten?

Es gab viele Veränderungen, seit Ronald Koeman das Steuerrad des FC Barcelona im Sommer übernommen hat. Viel vom Altbewährten wurde aussortiert – sei es der alternde Luis Suarez oder eben auch das Barcelona-heilige 4-3-3. Stattdessen wurde Platz gemacht für…keinen Ersatzmann und ein etwas moderner anhauchendes 4-2-3-1; ein System, an welchem Trainer Ronald Koeman eisenhart festzuhalten scheint: „Es [sei] die beste Aufstellung für das vorhandene Spielermaterial“ sagte er bereits mehrfach in Interviews und Pressekonferenzen. Nach Fans (hauptsächlich ob der eben systembedingten Ausbootung von Riqui Puig und auch Carles Alena) sollen allerdings nun auch einige Spieler Zweifel am neuen System geäußert haben. Zu starr sei es und zu wenig Raum für individuelle Freiheiten biete es. Nach der 0:3-Klatsche gegen Juventus Turin ist dieses Thema nun spätestens auch in den Medien angekommen. Dementsprechend gilt es für uns heute zu klären: Hat Ronald Koeman recht, weiter an seinem 4-2-3-1 festzuhalten, oder sollte er langsam darüber nachdenken, Veränderungen in Betracht zu ziehen?

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Hat Ronald Koeman noch das Vertrauen seines Kapitäns?

Sehen wir uns zuerst einmal genauer die Veränderungen an, die das Koeman’sche 4-2-3-1 gegenüber der letzten Saison (beziehungsweise generell dem sonst heiligen 4-3-3) darstellt. Eins ist dabei natürlich schon mal offensichtlich: Anstatt Barca-echt mit einem Sechser und einer Doppel-Acht zu spielen, gibt es im 4-2-3-1 stattdessen eine Doppel-Sechs sowie einen Zehner; soweit, so offensichtlich. Von dieser Änderung der Grundstellung der Mittelfeldakteure erhofft sich Koeman vor allem zwei Dinge: Bessere defensive Absicherung sowie genügend Freiheiten für Frenkie De Jong. De Jong ist ohne Frage der Hauptgrund, wieso Koeman überhaupt auf eine Doppel-Sechs umgestellt hat; er will so das Maximum aus seinem Landsmann herausholen (was bisher, auch aufgrund der allgemeinen Team-Leistung, Semi-Optimal funktioniert hat). Als Teil einer Doppel-Sechs hat De Jong alle Freiheiten, um den Ball so tief wie möglich von den Innenverteidigern abzuholen um dann (wenn möglich) mit einem Dribbling den Ball nach vorne zu treiben. Dies war bereits sein Erfolgsrezept bei Ajax und bei der holländischen Nationalmannschaft; welches Koeman hier jetzt auch zu reproduzieren versucht. Die Herausforderung stellt dabei weniger De Jong da, sondern eher die Besetzung seines Nebenmannes im defensiven Mittelfeld. Bei Ajax und der Nationalmannschaft wurde neben De Jong häufig ein eher defensiv orientierter Sechser hingestellt, der die Läufe von De Jong absichert und dementsprechend auch seine defensiven Schwächen kaschiert. Das erfordert natürlich auch ein gewisses Maß an Physis…und hier fangen die Probleme an.

An vorderster Front stehen hier Sergio Busquets und Miralem Pjanic zur Verfügung. Beide sind es gewohnt, auf der Sechs zu spielen (ob nun als einzelner Sechser oder als Teil einer Doppel-Sechs) und sind defensiv solide. Allerdings haben beide einen Haken: Busquets fehlt es langsam an der Physis und Pjanic an der Harmonie mit De Jong. Hinzu kommt, dass die Formkurven der beiden in der aktuelle Saison eher nach unten zeigen. Allerdings bietet der restliche Kader nicht das Spielermaterial, um stattdessen einen anderen Spieler neben De Jong zu stellen. Riqui Puig und Carles Alena sind, so spielerisch stark beide auch sind, nicht die Art Spielertyp, die Ronald Koeman hier sucht; zu schwach sind beide defensiv, was das reine Endprodukt angeht (wenngleich beide hier bemüht sind). Einzig Neuzugang Matheus Fernandes würde hier ins Rollenprofil passen, allerdings hat er bisher nur einen einzigen Einsatz unter Koeman bekommen (in den Schlussminuten gegen Kiew) und ist dementsprechend noch weiter von der Startelf entfernt als eben Puig oder Alena.

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Wer wird in Zukunft an der Seite von Frenkie De Jong im Mittelfeld spielen?

Dabei hätten es sich die beiden La Masia-Absolventen rein aufgrund ihrer Leistungen eigentlich durchaus verdient, mehr zum Einsatz zu kommen als bisher (seien wir ehrlich: ohne die aktuellen Verletzungssorgen hätten sie wohl noch weniger Einsatzzeit als so schon). Alena hat in den vergangenen Wochen mit einer Monster-Passquote von 98,5% (134/136 gespielten Pässen) auf sich aufmerksam gemacht; Puig hingegen hat vor allem durch seinen Einsatz und zuletzt auch durch seine engagierte Leistung im Juventus-Debakel überzeugt. Um wenigstens einen von beiden mit einer größeren Rolle in der Mannschaft zu integrieren, müsste eben das aktuelle System etwas umgestellt werden.

Hier kommen wir zum guten, alten 4-3-3. Zwei Achter, ein Sechser, die Flügel dafür etwas höher als im 4-2-3-1. De Jong würde hier, anstatt als Linker Sechser einer Doppel-Sechs, als einziger defensiver Mittelfeldspieler auflaufen. Vor ihm hätten wir eine Doppel-Acht, bei der (im klassischen Sinne) der linke ZM etwas höher aufrückt als der rechte. Mit Blick auf das potentielle Spielermaterial wäre das fast ein frischer Wind aus der Vergangenheit: De Jong in der Busquets-Rolle auf der Sechs, davor rechts (sagen wir mal) Riqui Puig/Carles Alena oder eben Miralem Pjanic in der Xavi-Rolle und links Pedri oder Coutinho, die den etwas höher stehenden Iniesta geben. Zwar passen natürlich nicht sämtliche Spielertypen perfekt mit den legendären Vorgängern zusammen, allerdings ist es trotzdem nicht undenkbar, dass das Spielermaterial so zusammenpassen würde. Pedri und auch Coutinho sind, wie Puig und Pjanic ebenso, unnachgiebig im Pressing gegen den Ball und würden dementsprechend wenigstens schwer zu überwinden sein. Gleichzeitig könnte wenigstens einer somit auch immer einen De Jong-Lauf absichern können. Zudem stehen Puig/Alena/Pjanic so etwas höher, um das Mittelfeld etwas besser mit dem Angriff zu verbinden (was speziell in den Anfangsminuten gegen Juve ein Problem dargestellt hat), während Pedri/Coutinho gleichzeitig nicht so hoch stehen, dass sie Messi/Griezmann in der Offensive im Weg stehen (siehe das Cadiz-Spiel). Insgesamt könnte sich das System damit offensiv eher als 4-3-1-2 lesen, da, aufgrund der Verletzungen von Fati und Dembele, aktuell keine Flügelstürmer mit Stammspieler-Qualität mehr zur Verfügung stehen (Trincao braucht sichtlich noch Zeit und Konrad fehlt die Erfahrung). Dementsprechend könnte Messi auch nominell direkt den Zehner geben (wie er die Rolle als rechter Flügel sowieso interpretieren würde), während Griezmann und Braithwaite als Doppelspitze auflaufen würden. Je nach Situation könnten jeweils einer von Messi oder Griezmann auf den Flügel ausweichen. Der jeweils andere Flügel müsste in einer solchen Situation von einem der beiden Außenverteidiger besetzt werden; eine Aufgabe, die sowohl Jordi Alba als auch Sergino Dest problemlos erfüllen können.

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Folgt Riqui Puig bald Ansu Fati ins Stammspieler-tum?

Der Vorteil dieser Systemumstellung wäre (so die Hoffnung) vor allem eine bessere Harmonie im Mittelfeld. Gegen Juventus war das Mittelfeld anfangs teils nicht vorhanden, erst im Verlauf des Spiels und vor allem mit der Hereinnahme von Riqui Puig änderte sich dieses Bild. Ein weiterer kreativer mit dem Offensivdrang eines Puig hat dem Team sichtlich gut getan. Puig als Achter aufzubieten würde zum einen etwas der kreativen Last von Messi abnehmen und gleichzeitig De Jong einen extrem spielfreudigen Nebenmann zum Kombinieren bescheren. Pedri/Coutinho wären gleichzeitig besser an das restliche Mittelfeld angebunden, würden Messi/Griezmann nicht auf den Füßen stehen und könnten defensiv, so denn nötig, auch besser Jordi Alba absichern (der so besser die Breite in der Offensive halten könnte). Allgemein würde die Defensive durch diese Systemumstellung nicht direkt schwächer werden, dementsprechend wäre es hier nur an Ronald Koeman, die allgemeine Grundstellung in der Verteidigung zu verbessern. Zur Absicherung der Offensivläufe wäre hier vor allem gute Physis gut, die Rückkehr von Samuel Umtiti dürfte der Trainer dementsprechend mit großem Interesse verfolgen (speziell bei den aktuellen Leistungen von Clement Lenglet). Daneben wäre natürlich auch Youngster Ronald Araujo verfügbar, der ebenfalls über starke Physis verfügt und sich in Sprint-Duellen mit Angreifern häufig behaupten kann.

Zusammengefasst hätte Ronald Koeman eigentlich genug Spielermaterial (qualitativ wie quantitativ) im Kader, um dem Team wenigstens neue Impulse zu geben und so zumindest die Lage in der Liga etwas zu verbessern. Diese Saison werden die Katalanen wohl nicht mehr in Champions-League-Finalisten-Form kommen, das ist beim angesetzten Umbruch aber auch kaum zu erwarten. Stattdessen sollte Koeman sich darauf konzentrieren, tatsächlich sein vorhandenes Spielermaterial zu maximieren. Das beinhaltet auch, seine besten Spieler, zu denen auch La Masia-Absolvent Riqui Puig gehört, regelmäßig einzusetzen. Er sollte sich endlich an seine Versprechen halte, und auch die Spieler zu belohnen, die gute Leistungen und Einsatz zeigen.

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